
Wie das oft so ist mit Begriffen, die plötzlich populär werden: Eine Verwässerung und Vernebelung ihrer ursprünglichen Bedeutung ist häufig die Folge.
Vor längerer Zeit war das beim Begriff „Coaching“ zu beobachten. Ursprünglich stand Coaching für die Begleitung von Hochleistungssportlern. Später etablierte sich professionelles Businesscoaching als qualifizierte Beratung bei komplexen Fragestellungen von Führungskräften in Wirtschaftsunternehmen – durchgeführt von gut ausgebildeten und zertifizierten Coaches.
Und dann geschah etwas, das wir häufig beobachten können: Plötzlich war alles „Coaching“: Wellnesscoaching, Einrichtungscoaching, Neurodiversitäts-Coaching, Biohacking- und Longevity-Coaching, Elterncoaching, Digital-Detox- und Screen-Time-Coaching, Maskulinitäts-Coaching, Human-Design- und Astrologie-Coaching, Inner-Child- und Ahnen-Coaching – und so weiter.
Alles klar?
Irgendwie ist inzwischen alles „Coaching“ geworden. Und damit wurde der Begriff zunehmend beliebig und verwaschen.
Ähnliches geschieht mittlerweile mit dem Begriff „Trauma“. Noch vor einigen Jahren war er vor allem Fachpersonen bekannt, die psychotherapeutisch oder traumatherapeutisch arbeiteten. Heute ist „Trauma“ ein populärer Begriff geworden.
Nun scheint plötzlich alles Trauma zu sein: „Oh, ich habe keinen Parkplatz bekommen – ein Trauma!“ „Ich habe mein Frühstücksbrot für die Firma vergessen – das ist ja traumatisch!“ „Mein Freund ist so unordentlich, der traumatisiert mich jeden Tag neu.“ „Meine Partnerin hat schlechte Laune.“ Kommentar des Partners: „Du immer mit deinen Traumata!“ „Ich habe den Flieger verpasst. Oh Gott, die von der Airline traumatisieren mich!“ Oder das Warten in der Hotline: „Das ist ja traumatisch!“
Doch was ist eigentlich ein Trauma? Was sind Traumafolgestörungen? Und was bedeutet „Traumasensibilität“ im Paarcoaching beziehungsweise in der Paartherapie?
Verena König, eine der bekanntesten Expertinnen auf diesem Gebiet, definiert Trauma so:
„Ein Trauma ist eine tiefgreifende Erfahrung von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Überwältigung, bei der die körpereigenen Verarbeitungsmechanismen versagen. Die dabei blockierte Überlebensenergie und der extreme Stress bleiben im Nervensystem und im Körper gespeichert und prägen das Erleben, die Beziehungen sowie die Gesundheit oft noch weit über das ursprüngliche Ereignis hinaus.“
Viele Menschen haben in ihrer Kindheit und Jugend Erfahrungen gemacht, die sie damals nicht verarbeiten konnten: Vernachlässigung, zu wenig Zuwendung, überforderte Eltern, Beschämung, Überforderung, ein liebloses Klima zu Hause, funktionieren müssen, permanent streitende Eltern, die Trennung der Eltern und ihre Folgen, Bedrohung, ständige Maßregelung, Misshandlung, Gewalt oder Vereinsamung und vieles mehr.
Als Kinder waren wir Kinder abhängig! Wir konnten in den ersten eineinhalb Lebensjahrzehnten nicht einfach weglaufen! Wir mussten irgendwie zurechtkommen!
Die Folge: Hochstresserfahrungen, die körperlich und seelisch wirksam blieben waren die Folge. Ein dauerhaft armiertes Nervensystem. Oder das Gegenteil – ein Aufgeben, ein Sich-Fügen in das scheinbar Unabänderliche.
Diese Erfahrungen und die damals auf unbewusster Ebene entwickelten Strategien, mit ihnen zurechtzukommen, zeigen sich häufig später auch in der Dynamik von Paarbeziehungen. Ein Beispiel:
Paula und Bernd sind 52 und 54 Jahre alt. Ein sympathisches, charmantes Paar kommt in die Paartherapie. 21 Ehejahre liegen hinter ihnen. Die beiden Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Äußerlich scheint alles prima zu sein: ein großes, schönes Haus, mehr als genügend Geld, tolle Urlaube, teure Theaterkarten, schicker Mercedes.
Er sagt: „Wir hatten doch schöne Zeiten – bis heute!“ Sie sagt: „Ich habe eigentlich immer das getan, was du wolltest. Im Zweifelsfall hast Du mich ins Unrecht gesetzt. Dein ‚ja, aber‘ war der ständige Begleiter unserer Auseinandersetzungen. Ich habe mich angepasst und untergeordnet.“
Dann stirbt Paulas Vater.
Und plötzlich – aus Bernds Perspektive scheinbar aus dem Nichts – trennt sich Paula. Sie zieht in eine andere Wohnung. Bernd sagt: „Ich verstehe das nicht. Wieso kommst du plötzlich nach 21 glücklichen Ehejahren mit einer Trennung um die Ecke?“ Paula: „Gar nicht plötzlich. Ich habe Dir schon vor zwölf Jahren einen Brief geschrieben und gesagt, dass es so nicht weitergehen kann.“
Bernd hat es nicht ernst genommen. Vielleicht hat er es nicht wirklich wahrgenommen. Er hat es mit einem „Ja, aber, es ist doch alles gut!“ weggeredet.
Paula hat türkische Wurzeln. Zu Hause wurde sie mit Härte auf Gehorsam getrimmt. Sie wurde angeschrien, es gab Schläge. Sie lernte, zu funktionieren und sich unterzuordnen. Anpassung war später auch in ihrer Beziehung zu Bernd ganz automatisch zu ihrer Strategie geworden, zurechtzukommen.
Der Tod ihres Vaters löste die Krise aus.
„Ich will darüber nachdenken, ob ich die Beziehung weiterführen möchte. So jedenfalls nicht mehr. Ich brauche Zeit dafür – vielleicht viel Zeit.“ Viele Jahre lang hatte für Paula das funktioniert, was man in der Traumatologie als „Fawn Response“ bezeichnet: sich ducken, sich unterordnen, funktionieren, gefällig sein. Doch damit ist für Paula jetzt Schluss. So nicht mehr.
Auch Bernd hat seine eigene Geschichte. Sein Vater war Unternehmer: gefühlsarm, streng, diszipliniert und erfolgreich. Die Botschaft an seinen Sohn lautete: Sei erfolgreich. Zeige niemals Schwäche. Versorge deine Familie materiell. Und ansonsten: Setze dich durch. Sage den Menschen, wo es langgeht. Bernd folgte diesem Muster. Er wurde als Geschäftsmann sehr erfolgreich.
Und nun? Bernd ist geschockt. Eine Trennung? Undenkbar! Er sitzt in meiner Praxis, zittert, droht, fordert: „In spätestens sechs Wochen muss die Sache geklärt sein. Ich halte das nicht länger aus.“
Paula antwortet: „Das setzt mich unter Druck. Das will ich nicht. Ich brauche die Zeit, die ich jetzt brauche.“ Bernd ist zum ersten Mal in seinem Leben massiv mit einem Gefühl konfrontiert, das in seiner bisherigen Lebensgeschichte kaum vorgesehen war: Kontrollverlust und Ohnmacht.
Traumasensibles beziehungsweise traumainformiertes Arbeiten bedeutet dabei nicht, jedes Beziehungsproblem als Folge eines Traumas zu betrachten. Vielmehr fließt das Wissen darüber ein, wie traumatische Erfahrungen, chronischer Stress und erlernte Schutzstrategien das heutige Erleben und Verhalten beeinflussen können.
In der Paartherapie setzen wir uns behutsam mit den traumatischen Erfahrungen der Kindheit auseinander, soweit sie eine Rolle spielen für die Dynamik zwischen Paula und Bernd. Die Anpassung, das Funktionieren, der Druck, das ‚nicht-gesehen-werden, das Rechthaben, die Verweigerung.
Ich unterstütze immer wieder, den aktuellen Stress zu vermindern, verlangsame, strukturiere die Kommunikation, erinnere daran weiter zu atmen, machte mit den Beiden kurze Pausen, erinnere an den Boden unter ihren Füßen. Erinnere immer wieder an die Möglichkeiten (Ressourcen), die den Beiden heute als erwachsene Menschen zur Bewältigung ihrer Krise zur Verfügung stehen.
Wir halten miteinander aus, dass es möglicherweise keine schnelle Lösung gibt. Wir beschäftigen uns mit den Verletzungen der vergangenen 21 Ehejahre: Verletzungen aussprechen, anerkennen, Verantwortung übernehmen, verzeihen und vielleicht auch Versöhnung ermöglichen.
Das ist ein Prozess über mehrere Sitzungen hinweg. Und er verläuft nicht glatt. Es fließen viele Tränen. Bei ihr. Dann gibt es wieder Wutausbrüche. Bei ihm. Drohungen. Von beiden.
Langsam entsteht im Verlauf einiger Paarsitzungen ein besseres Verständnis dafür, wie die schwierigen Erfahrungen der Kindheit, die daraus entstandenen Reaktionen und die unbewusst gelernten Verhaltensmuster ihre Beziehung geprägt haben. Zusätzlich haben die massiven Verletzungen in den Jahren der Beziehung einen schleichenden Entfremdungsprozess bewirkt.
Wir sind noch mittendrin im Beratungsprozess. Es ist noch nicht entschieden, ob diese Beziehung endgültig mit einer Trennung endet oder ob ein Neuanfang möglich ist. Vielleicht sind die Verletzungen zu tief und die Liebe ist zu stark beschädigt. Vielleicht aber entsteht die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Wie auch immer diese Krise ausgeht: Das Aufräumen der Verletzungen und das Bewusstwerden ungünstiger Beziehungsmechanismen ist in jedem Fall lohnend. Es kann der Beginn eines bewussteren Umgangs miteinander und mit sich selbst sein, vielleicht auch der Startpunkt einer später entstehenden Beziehung mit einem neuen Partner / einer neuen Partnerin.
Paartherapie, Paarberatung, Paarcoaching – wo liegt eigentlich der Unterschied?
Ganz so einfach lässt sich das nicht beantworten. Denn in der Praxis sind die Grenzen oft fließend.
In einer traumasensiblen Paartherapie schauen wir genauer hin: Was passiert eigentlich zwischen zwei Menschen, wenn ein Streit plötzlich eskaliert? Warum löst ein bestimmter Satz so viel Wut, Angst oder Rückzug aus? Warum fühlt sich einer bedrängt, während der andere sich verlassen fühlt? Und was davon hat möglicherweise mit Erfahrungen zu tun, die lange vor dieser Beziehung gemacht wurden?
Eine traumasensible Paarberatung setzt häufig stärker bei dem an, was heute zwischen den Partnern geschieht. Es geht um Konflikte, Kommunikation, Verletzungen, Nähe und Distanz, um Grenzen und darum, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Die eigene Geschichte bleibt dabei nicht außen vor. Denn natürlich bringen wir sie mit in unsere Beziehungen.
Und traumasensibles Paarcoaching?
Hier steht häufig stärker die Frage im Mittelpunkt: Was können wir verändern? Welche alten Muster laufen immer wieder ab? Was passiert automatisch? Und wie können wir lernen, anders damit umzugehen?
Für mich ist allerdings etwas anderes viel entscheidender als die Frage, welches Etikett wir auf die gemeinsame Arbeit kleben.
Traumasensibel beziehungsweise traumainformiert zu arbeiten bedeutet für mich, nicht vorschnell zu urteilen. Nicht jedes schwierige Verhalten als Boshaftigkeit, Desinteresse oder mangelnden Willen abzutun. Und gleichzeitig auch nicht jedes Beziehungsproblem zum „Trauma“ zu erklären.
Es bedeutet, genauer hinzuschauen.
Zu verstehen, woher bestimmte Reaktionen kommen können.
Langsamer zu werden, wenn es zu viel wird.
Und gemeinsam neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit dem umzugehen, was zwischen zwei Menschen passiert.
Traumasensibles beziehungsweise traumainformiertes Arbeiten bezeichnet eine Haltung und Praxis, bei der das Wissen über die Auswirkungen und Dynamiken von Traumata in die (Paar-) Beratung von Menschen einbezogen wird. Das Ziel einer traumasensiblen Paarberatung ist es nicht, Traumata zu „heilen“, sondern ein Beratungsklima zu schaffen, das Sicherheit bietet, Überforderung zu vermeiden, Retraumatisierungen zu verhindern und die besonderen Reaktionsweisen von Menschen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen miteinander besser zu verstehen.
Traumasensibilität bedeutet deshalb vor allem:
Gerade in Paarbeziehungen kann dieses Verständnis einen entscheidenden Unterschied machen.
Uhlandstraße 57
28211 Bremen
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