
Wie das oft so ist mit Begriffen, die plötzlich populär werden: Eine Verwässerung und Vernebelung ihrer ursprünglichen Bedeutung ist häufig die Folge. Vor vielen Jahren passierte das mit dem Begriff Coaching. Erst für Hochleistungssportler und später für Führungskräfte in Wirtschaftsunternehmen gedacht, verschwamm der Begriff mehr und mehr: Auracoaching, Elterncoaching, Aufräumcoaching, Transzendenzcoaching, Life-Balance-Coaching ... es gibt mittlerweile die merkwürdigsten Beratungsangebote, die unter dem Begriff 'Coaching' firmieren.
In letzter Zeit geschieht ähnliches mit dem Begriff „Trauma“. Noch vor einigen Jahren war er vor allem Fachpersonen bekannt, die psychotherapeutisch oder traumatherapeutisch arbeiteten. Heute ist „Trauma“ ein populärer Begriff geworden.
Nun scheint plötzlich alles Trauma zu sein: „Oh, ich habe keinen Parkplatz bekommen – ein echtes Trauma!“ „Mein Freund ist so unordentlich, der traumatisiert mich jeden Tag neu.“ Der Partner hat schlechte Laune. Kommentar der Partnerin: „Du immer mit deinen Traumata!“ „Ich habe den Flieger verpasst. Oh Gott, die von der Airline traumatisieren mich!“
Doch was ist eigentlich ein Trauma? Was sind Traumafolgestörungen? Und was bedeutet „Traumasensibilität“ im Paarcoaching beziehungsweise in der Paartherapie?
Verena König, eine der bekanntesten Expertinnen auf diesem Gebiet, definiert Trauma so:
„Ein Trauma ist eine tiefgreifende Erfahrung von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Überwältigung, bei der die körpereigenen Verarbeitungsmechanismen versagen. Die dabei blockierte Überlebensenergie und der extreme Stress bleiben im Nervensystem und im Körper gespeichert und prägen das Erleben, die Beziehungen sowie die Gesundheit oft noch weit über das ursprüngliche Ereignis hinaus.“
Viele Menschen haben in ihrer Kindheit und Jugend Erfahrungen gemacht, die sie damals nicht verarbeiten konnten: Vernachlässigung, zu wenig Zuwendung, überforderte Eltern, Beschämung, Überforderung, ein liebloses Klima zu Hause, funktionieren müssen, permanent streitende Eltern, die Trennung der Eltern und ihre Folgen, Bedrohung, ständige Maßregelung, Misshandlung, Gewalt oder Vereinsamung und vieles mehr.
Als Kinder waren wir Kinder abhängig! Wir konnten in den ersten eineinhalb Lebensjahrzehnten nicht einfach weglaufen! Wir mussten irgendwie zurechtkommen!
Die Folge: Hochstresserfahrungen, die körperlich und seelisch wirksam blieben waren die Folge. Ein dauerhaft alarmiertes Nervensystem. Oder das Gegenteil – ein Aufgeben, ein Sich-Fügen in das scheinbar Unabänderliche.
Diese Erfahrungen und die damals auf unbewusster Ebene entwickelten Strategien, mit ihnen zurechtzukommen, zeigen sich häufig später auch in der Dynamik von Paarbeziehungen. Ein Beispiel:
Paula und Bernd sind 52 und 54 Jahre alt. Ein sympathisches, charmantes Paar kommt in die Paartherapie. 21 Ehejahre liegen hinter ihnen. Die beiden Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Äußerlich scheint alles prima zu sein: ein großes, schönes Haus, mehr als genügend Geld, tolle Urlaube, teure Theaterkarten, schicker Mercedes.
Er sagt: „Wir hatten und haben doch schöne Zeiten!“ Sie sagt: „Ich habe eigentlich immer das getan, was Du wolltest. Im Zweifelsfall hast Du mich ins Unrecht gesetzt. Dein ‚ja, aber‘ war der ständige Begleiter unserer Auseinandersetzungen. Ich habe mich angepasst und untergeordnet.“ Und Du hast mir gesagt, wo es längs geht.
Dann stirbt Paulas Vater.
Und plötzlich – aus Bernds Perspektive scheinbar aus dem Nichts – trennt sich Paula. Sie zieht in eine andere Wohnung. Bernd sagt: „Ich verstehe das nicht. Wieso kommst du plötzlich nach 21 glücklichen Ehejahren mit einer Trennung um die Ecke?“ Paula: „Gar nicht plötzlich. Ich habe Dir schon vor zwölf Jahren einen Brief geschrieben und gesagt, dass es so nicht weitergehen kann.“
Bernd hat es nicht ernst genommen. Vielleicht hat er es nicht wirklich wahrgenommen. Er hat es mit einem „Ja, aber, es ist doch alles gut!“ weggeredet.
Paula hat eine schwierige Vergangenheit. Zu Hause wurde sie mit Härte auf Gehorsam getrimmt. Sie wurde angeschrien, es gab Schläge. Sie lernte, zu funktionieren und sich unterzuordnen. Anpassung war später auch in ihrer Beziehung zu Bernd ganz automatisch zu ihrer Strategie geworden, zurechtzukommen.
Der Tod ihres Vaters löste die Krise aus.
„Ich will darüber nachdenken, ob ich die Beziehung weiterführen möchte. So jedenfalls nicht mehr. Ich brauche Zeit dafür – vielleicht viel Zeit.“ Viele Jahre lang hatte für Paula das funktioniert, was man in der Traumatologie als „Fawn Response“ bezeichnet: Sich ducken, sich unterordnen, funktionieren, gefällig sein. Doch damit ist für Paula jetzt Schluss. So nicht mehr.
Auch Bernd hat seine eigene Geschichte. Sein Vater war Unternehmer: gefühlsarm, streng, diszipliniert und erfolgreich. Die Botschaft an seinen Sohn lautete: Sei erfolgreich. Zeige niemals Schwäche. Versorge deine Familie materiell. Und ansonsten: Setze dich durch. Sage den Menschen, wo es langgeht. Bernd folgte diesem Muster. Er wurde als Geschäftsmann sehr erfolgreich.
Und nun? Bernd ist geschockt. Eine Trennung? Undenkbar! Er sitzt in meiner Praxis, zittert, droht, fordert: „In spätestens sechs Wochen muss die Sache geklärt sein. Ich halte das nicht länger aus.“
Paula antwortet: „Das setzt mich unter Druck. Das will ich nicht. Ich brauche die Zeit, die ich jetzt brauche.“ Bernd ist zum ersten Mal in seinem Leben massiv mit einem Gefühl konfrontiert, das in seiner bisherigen Lebensgeschichte kaum vorgesehen war: Kontrollverlust und Ohnmacht.
In der Paartherapie setzen wir uns behutsam mit den traumatischen Erfahrungen der Kindheit auseinander, soweit sie eine Rolle spielen für die Dynamik zwischen Paula und Bernd. Die Anpassung, das Funktionieren, der Druck, das ‚nicht-gesehen-werden, das Rechthaben müssen, Dominanz und Unterwerfung.
Ich unterstütze immer wieder, den aktuellen Stress zu vermindern, verlangsame, strukturiere die Kommunikation, erinnere daran weiter zu atmen, machte mit den Beiden kurze Pausen, erinnere an den Boden unter ihren Füßen. Erinnere immer wieder an die Möglichkeiten (Ressourcen), die den Beiden heute als erwachsene Menschen zur Bewältigung ihrer Krise zur Verfügung stehen.
Wir halten miteinander aus, dass es möglicherweise keine schnelle Lösung gibt. Wir beschäftigen uns mit den Verletzungen der vergangenen 21 Ehejahre: Verletzungen aussprechen, anerkennen, Verantwortung übernehmen, verzeihen und vielleicht auch Versöhnung ermöglichen.
Das ist ein Prozess über mehrere Sitzungen hinweg. Und er verläuft nicht glatt. Es fließen viele Tränen. Bei ihr. Dann gibt es wieder Wutausbrüche. Bei ihm. Drohungen. Von beiden.
Langsam entsteht im Verlauf einiger Paarsitzungen ein besseres Verständnis dafür, wie die schwierigen Erfahrungen der Kindheit, die daraus entstandenen Reaktionen und die unbewusst gelernten Verhaltensmuster ihre Beziehung geprägt haben. Zusätzlich haben die massiven Verletzungen in den Jahren der Beziehung einen schleichenden Entfremdungsprozess bewirkt.
Wir sind noch mittendrin im Beratungsprozess. Es ist noch nicht entschieden, ob diese Beziehung endgültig mit einer Trennung endet oder ob ein Neuanfang möglich ist. Vielleicht sind die Verletzungen zu tief und die Liebe ist zu stark beschädigt. Vielleicht aber entsteht die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Wie auch immer diese Krise ausgeht: Das Aufräumen der Verletzungen und das Bewusstwerden ungünstiger Beziehungsmechanismen ist in jedem Fall lohnend. Es kann der Beginn eines bewussteren Umgangs miteinander und mit sich selbst sein, vielleicht auch der Startpunkt einer später entstehenden Beziehung mit einem neuen Partner / einer neuen Partnerin.
Und wie das Ganze dann ausgegangen sein wird, erzähle ich in einem der nächsten Beiträge.
Traumasensibles beziehungsweise traumainformiertes Arbeiten bezeichnet eine Haltung und Praxis, bei der das Wissen über die Auswirkungen und Dynamiken von Traumata in die (Paar-) Beratung von Menschen einbezogen wird. Das Ziel einer traumasensiblen Paarberatung ist es nicht, Traumata zu „heilen“, sondern ein Beratungsklima zu schaffen, das Sicherheit bietet, Überforderung zu vermeiden, Retraumatisierungen zu verhindern und die besonderen Reaktionsweisen von Menschen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen miteinander besser zu verstehen.
Traumasensibilität bedeutet deshalb vor allem:
In der Paartherapie macht dieses Verständnis einen entscheidenden Unterschied in der Art und Qualität der Beratung.
Uhlandstraße 57
28211 Bremen
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