Anna und Paul kommen zur Paarberatung. Die Beiden erzählen, dass sie sich eigentlich gut verstehen. Eigentlich. Ärger zwischen den Beiden gibt es mit der Organisation des Lebens. Anna lebt gerne spontan, sie liebt es, spontanen Einfällen zu folgen, den Urlaub kurzfristig zu buchen und statt des verabredeten Kinobesuchs am Abend vielleicht doch ins Theater zu gehen, weil sie grade in der Zeitung über das Stück eine spannende Rezension gelesen hat. Das macht Paul wahnsinnig. Er liebt es zu planen. Langfristig, vorausschauend. Er erlebt Anna als chaotisch und unberechenbar. So fühlt er sich der Spontanität von Anna oft hilflos ausgeliefert.
Eine Situation, für die man das passende Beratungsangebot wahrscheinlich eher als ‚Paarcoaching‘ bezeichnen könnte.
Anna und Paul hat es in der Paarberatung geholfen, ein Persönlichkeitsmodell (Riemann-Thomann) erklärt zu bekommen, in dem sie sich in ihren jeweiligen Verhaltenspräferenzen als Paar wiedererkennen können. Dieses neue Verständnis hat sie beide beruhigt und sie anerkennen lasen, dass sie beide halt so unterschiedlich sind, wie sie sind.
Die gegenseitige Akzeptanz stieg in der Folge deutlich an. Der Rest war einfach: Sie entwickelten mit Coachingunterstützung neue Kommunikationsmuster und auch einige neue Regeln, wie sie entspannter mit Annas Spontanität und Pauls Bedürfnis nach vorausschauender Planung umgehen konnten.
Der Begriff ‚Paarcoaching‘ passt in diesem Fallbeispiel sicher besser als der Begriff ‚Paartherapie‘, der oft mit ‚Krankheit‘ assoziiert wird. Anna und Paul sind aber nicht psychisch krank, sondern einfach nur unterschiedlich.
Ganz anders sieht die Situation bei Werner und Angelika aus. Sie streiten permanent, und Angelika ist in diesen Streitereien für Werner unfassbar verletzend, abwertend und fast bösartig. Sie wirkt dann eiskalt und schneidend, von Respekt vor dem geliebten Menschen keine Spur. Sie macht ihn gnadenlos nieder. Schon kleinste Anlässe reichen als Trigger aus, um Angelikas geballte, vernichtende Wut loszutreten.
Angelika hat einen Vater, der ähnlich emotional unberechenbar und oft vernichtend bösartig zu ihr war. Sie erfuhr etwas in ihrer Kindheit, das man als Entwicklungstrauma bezeichnet. Sie wurde permanent vorgeführt, lächerlich gemacht und abgewertet. Der Vater hielt sowieso nichts von Frauen, er hätte gerne einen Sohn gehabt, statt dessen gab es drei Töchter. Diese Enttäuschung ließ er mit massiver psychischer Gewalt an den Töchtern aus.
Um als Kind zu überleben, gab es für Angelika nur eine Möglichkeit: Das zerstörerische Verhalten des Vaters richtig zu finden (fawn response) und zu übernehmen. Man nennt diese psychische Überlebensantwort die Bildung eines Täterintrojekts. Es sind die täterimitierenden Persönlichkeitsanteile, die Angelika vollkommen unbewusst, aber hoch zerstörerisch immer wieder aufruft. Auf einer unbewussten Ebene – um zu überleben in ihrer Kindheit! - übernahm sie das Verhalten des Vaters und verhält sich nun Werner gegenüber schon in Bezug auf kleinste Differenzen in ihrer Partnerschaft ähnlich zerstörerisch.
Hier wäre sicher der Begriff Paartherapie passend. Es wird in sorgfältiger traumasensibler paartherapeutischer Arbeit notwendig sein, einen geschützten, wohlwollenden Raum für die Beiden zu etablieren und ein Verständnis herzustellen, wie die zerstörerischen Affekte von Angelika einzuordnen sind. Es wird wichtig sein, die psychische Gewalt, die von Angelika ausgeht zu unterbrechen und auch Werner zu ermöglichen, klare Grenzen zu ziehen. Wenn das gelingt, können die Beiden – und das wird Zeit und Einsatz kosten – Schritt für Schritt in einem vermutlich längeren Beratungsprozess eine tragfähige Partnerschaft entwickeln. Hier ist sicher die Paartherapie ein passendes Angebot.
Ehrlich gesagt: Das Ergebnis dieser Paartherapie ist offen. Es kann auch sein, dass eine Trennung ansteht und Angelika sich entschließt, zunächst in einer traumasensiblen Einzeltherapie diese als traumatisch erlebte Kindheit mit ihren verheerenden Folgen aufzuarbeiten. Aber auch in diesem Fall kann eine Paartherapie eine Trennung in Würde und mit Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit als Paar ermöglichen.
Im Paarcoaching oder der Paarberatung geht es tendenziell eher darum …
In der Paartherapie dreht es sich mehr darum …
„Wieso heulst du denn jetzt schon wieder?“ Paul lehnt an der Theke der offenen Wohnküche und schiebt die Hände in die Taschen seiner Jeans. Eigentlich würde er Tanja gerne umarmen, sie trösten. Aber er ist unsicher, wie sie reagiert. Also – lieber nichts tun.
Tanja springt auf: „Du verstehst gar nichts. Nie. Kannst vielleicht du auch mal was dafür tun, das hier alles funktioniert? Nur ein einziges Mal mit anpacken? Dein Sachen selbst aufräumen?“ Sie tritt gegen Pauls Sporttasche, die er gerade eben abgesetzt hatte, um seine Freundin zur Begrüßung in den Arm zu nehmen. „Mach deinen Dreck selbst weg!“ Sie knallt die Tür hinter sich zu.
Paul hämmert eine Faust auf den Tresen und brüllt ihr hinterher: „Es reicht nie, was ich für uns tue. Fordern, fordern, fordern, das ist alles, was du kannst! Es wird nie genug sein!“. Er dreht sich um, öffnet die Kühlschranktür und nimmt sich ein Bier, greift zur Zeitung. Wenigstens einer muss ja den Überblick behalten in diesem Affenstall.
Typisch Mann? Typisch Frau? Die müssten einfach lernen, wie man miteinander redet, sollte man meinen. Aber – ist es wirklich so „einfach“?
Was passiert bei so einem Streit? Oberflächlich sind zwei Menschen nicht einer Meinung – sie haben einen Konflikt, unterschiedliche Auffassungen. Tanja fühlt sich nicht genug unterstützt, Paul glaubt, dass sein Tun nicht wertgeschätzt wird. So weit, so alltäglich. Warum entsteht aus einem Zank so oft ein Drama – ein Kampfszenario auf Leben und Tod?
Das Folgende klingt jetzt möglicherweise übertrieben – aber für unser Gehirn und unser Nervensystem geht es in solchen Situationen tatsächlich ums Überleben. Daher fährt unsere Körperintelligenz von Anfang an schwere Geschütze auf, so wie sie es vor 10.000 Jahren auch schon tat, um uns vor dem vielzitierten Säbelzahntiger zu beschützen.
Was damals funktioniert hat, muss auch heute herhalten, zumindest wenn es nach unserem sogenannten Reptilien- oder Stammhirn geht. Dieser entwicklungsgeschichtlich älteste Teil unserer Hirnstruktur sorgt zuverlässig dafür, dass wir überleben. Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung und unser autonomes Nervensystem werden von ihm gesteuert. Hier entscheidet sich in jedem Moment, ob wir uns sicher fühlen oder besser auf das Überlebensnotsystem umschalten: Kampf, Flucht, Unterwerfung oder Immobilität. (Auf Englisch klingt es einprägsamer: Fight, Flight, Freeze.)
Wichtig an dieser Beschreibung ist vor allem der Begriff „autonom“ – als Teil einer Hirnstruktur, die teilweise recht unabhängig voneinander agiert, fragt das Stammhirn nicht lange nach, bevor es einen Handlungsimpuls setzt.
Wenn für unser Reptilienhirn Gefahr besteht, wird in Millisekunden neurobiologisch eine Kette von Reaktionen ausgelöst. Und leider ist es in solchen Beziehungskonflikten sehr schnell soweit: Tanja und Paul fühlen sich beide in Gefahr.
Je enger wir einem Menschen verbunden sind, desto eher drücken seine Reaktionen unsere Triggerpunkte. Unser limbisches System, als Funktion des Mittelhirns, gleicht permanent interne Signale, Umwelterleben und gespeicherte Erfahrungen ab. Bei Tanja kommt sofort die Rückmeldung: Situation bekannt. Gefahr droht! Wenn man ihre unsichtbaren Reaktionsmuster sichtbar machen könnte, stünde da so etwas wie: „Ach, das war doch schon früher so, als Papa sich aufs Sofa fläzte und Mama in der Küche schuftete und sauer war!“ Diese Verkettung ist Tanja überhaupt nicht bewusst, sie fühlt nur fiesen Ärger und der Auslöser ist offensichtlich Paul – wer sonst? Also geht Tanja zum Angriff-Flucht-Szenario über – und hat in ihrer Wahrnehmung sehr viele gute Gründe dafür. Und Paul – dessen Amygdala als Teil des limbischen Systems auch ein Vergangenheits-Muster wiedererkennt – zuckt zurück wie das Kaninchen vor der Schlange und tut einfach: Gar nichts. Er schaltet auf Durchzug und auch er findet viele gute Erklärungen für sein Verhalten.
Im limbischen System werden auch soziale Aktivitäten gesteuert, zum Beispiel unsere Fähigkeit zuzuhören und nachzufragen. Im beschriebenen Konfliktfall wird das alles prompt außer Kraft gesetzt. Das älteste Hirnfragment, das Stammhirn, übernimmt. Es ist wie in vielen mittelständischen Unternehmen – das haben wir schon immer so gemacht.
Instinktgesteuerte Reaktionen übernehmen das Kommando und unsere Empathie-Fähigkeit ist offline – das Gehirnareal, welches dafür zuständig ist, wird quasi überstimmt. Dieses Areal, der Frontalcortex, ist viel später in unserer menschlichen Entwicklungsgeschichte entstanden. In ihm finden sich Funktionen wie Sprachfähigkeit, Steuerung des Blickkontaktes, Logik, Humor und Entscheidungsfähigkeit. Hier ist auch das soziale Empathie-System untergebracht. Es gibt dort Spiegelneuronen. Sie ermöglichen es, sich in andere Menschen einzufühlen. Zu fühlen, was sie fühlen.
Das Problem – der Frontalcortex ist ein hochsensibler Prozessor, er arbeitet langsam. Aber Gefahrenabwehr muss schnell sein – also übernehmen sofort die alten Generäle in der Amygdala das Ruder. Puh – Glück gehabt. Situation gerade noch gerettet. Gehirn und Nervensystem haben ihre Aufgabe erfüllt – das Überleben von Tanja und Paul ist gesichert. Ob ihre Beziehung das auch überlebt? Nun – wir werden sehen. Ich bin da eigentlich ganz guter Hoffnung.
Der erste Schritt für die beiden wäre es, zu verstehen, dass unter starkem Stress ein einfühlender, guter Kontakt und eine überlegte Kommunikation nicht mehr möglich sind. Der zweite Schritt ist die Einsicht, dass dieser starke Stress nichts mit dem Gegenüber zu tun hat, sondern vom eigenen Nervensystem erzeugt wird. Und der dritte Schritt könnte es sein, sich einen lichten, liebevollen Moment zu nehmen, um eine Entscheidung zu treffen – für das Miteinander, für die Beziehung.
So eine Entscheidung ist vielversprechend, weil sie neue Handlungsmuster ermöglicht. Zum Beispiel den Schritt, sich eine neutrale Instanz als Paarcoach zu suchen. Warum ein traumasensibles Paarcoaching gerade bei Konflikten, die sich scheinbar in Endlosschleife wiederholen so hilfreich ist, darüber schreibe ich in einem der nächsten Blog-Artikel.
]]>Es ist ein Sonntag im Mai. Am Straßenrand, irgendwo in Frankreich. Ich bin unterwegs mit Pauline, die ich seit Ewigkeiten kenne, mit der ich schon einige eher kurze Motorrad-Touren unternommen habe. Am Rande erwähnt – nein, ich habe nichts mit Pauline. Wir sind einfach beste Freunde. Was allerdings allemal reicht, um heftige Beziehungsmuster zu aktivieren. Was ist passiert?
Diesmal sind zwei Wochen Motorradtour nach Sizilien geplant. Das Wetter war bisher schlecht. Richtig schlecht. Dauerregen und ein ekliger, kalter Wind. Pauline und ich sind seit zwei Tagen unterwegs. Am Vorabend saßen wir in der Bar 'La Belle‘ in einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Lyon und Grenoble. Beim Blick auf Regenradar und Karte wurde uns beiden klar, dass die ursprünglich geplante Tour, weit in die französischen Alpen hinein, nicht machbar sein wird. Am heutigen Morgen allerdings riss der Himmel auf, gestärkt von Croissant und Milchkaffee fuhren wir weiter, begleitet von Sonnengeglitzer auf nassem Asphalt. Wie schön, wieder auf der Straße zu sein – es war ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer.
Gerade machen wir eine Pause, sitzen nebeneinander auf einer Mauer am Bürgersteig, genießen den Ausblick und die Sonne. Angeregt vom unerwartet schönen Wetter sage ich: „Pauline, wir sollten mal gucken, ob wir die Tour in die Berge nicht doch machen!“ Pauline reagiert frostig und sehr prompt: „Nein! Das machen wir nicht! Das hatten wir doch gestern gemeinsam so entschieden.“
Ihr Ton gefällt mir nicht. Das, was sie sagt, gefällt mir auch nicht. Ich bin verstimmt. Gilt hier nur ihre Meinung – spiele ich keine Rolle? „Sei doch nicht so starrköpfig“, sage ich, „man wird einen Plan doch auch mal ändern dürfen.“ Pauline bleibt hart: „Wir hatten gestern lang und breit darüber gesprochen und waren uns einig. Ich finde es wirklich ungerecht von dir, dass du das alles wieder neu durchkauen willst und mir dann auch noch Vorwürfe machst. Ich muss mich bei so einer Tour auf unsere Absprachen verlassen können, sonst funktioniert das für mich nicht.“
Die Stimmung ist mies. So sitzen wir da am Straßenrand und teilen anscheinend die gleiche, ärgerliche Stimmung: Wir fühlen uns nicht gesehen! Meine Ideen werden nicht berücksichtigt. Meine Abenteuerlust wird abgewürgt – ich empfinde Enge. Pauline fühlt sich im Stich gelassen, sagt sie. Unsere Absprachen gelten anscheinend nicht zuverlässig – das vermittelt ihr den Eindruck, dass ihre Bedürfnisse nicht wichtig sind, schon längst vergessen, keine Beachtung wert. Und ganz besonders: Man kann sich auf Michael nicht verlassen, denkt sie.
Eigentlich spannend – wir teilen das gleiche Grundgefühl und sind doch in unseren Polaritäten tief getrennt durch eine Schlucht von Frust und Ärger. Das ist eine typische Situation, die die meisten von uns aus nahen Beziehungen, aus kollegialen Konflikten und natürlich aus unseren Partnerschaften kennen: Unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse treffen aufeinander und wollen gesehen und wahrgenommen werden – hier ist es der Wunsch nach Verlässlichkeit, der mit (m)einem Freiheitsbedürfnis kollidiert.
Was hilft in so einem Moment? Schwamm drüber und denken, „Die soll sich mal wieder einkriegen und mehr Flexibilität zeigen!“ oder „Der sollte mal an seiner Zuverlässigkeit arbeiten.“? Einfach die Motorräder anlassen und weiterfahren? Hm, ja. Kann man machen. Nach meiner Erfahrung kommt dann ein ähnlicher Konflikt im neuen Outfit sehr bald wieder um die Ecke. Gut - was dann?
„Wollen wir mal darüber sprechen?“ Pauline schaut mich an und ich merke, dass ihr dieser Satz nicht leicht fällt. Der erste Schritt über den Graben ist gemacht – Respekt! Und wir können im Gespräch feststellen, wie unterschiedlich wir ticken.
Im Erkennen unserer Polaritäten und unserer unterschiedlichen Bedürfnisse können Pauline und ich wieder Vertrauen aufbauen. Was uns sehr hilft, ist die Erkenntnis, dass es uns beiden Mühe macht, vom anderen in unserem Wesen und unseren Bedürfnissen übersehen zu werden. Im Gespräch entsteht eine neue Verbundenheit. Gemeinsam entwickeln wir einen neuen und für uns beide stimmigen Tourenplan. Pauline: „Schön, dass wir diese kriselige Situation so gut überstanden haben!“
„Na, dann los“, sagt sie, „lass uns die Pferde satteln“.
Da haben Pauline und ich sozusagen grade noch die Kurve bekommen. Der Tipp „reden hilft“ ist grundsätzlich prima. Er passt aber leider bei Paaren oft nicht, die bereits eine lange und vielfältig verletzende Beziehungsgeschichte hinter sich haben und außerdem ein heftiges Paket an Traumafolgen aus ihrer Kindheit mit sich herumtragen.
In einigen der nächsten Blogartikel schreibe ich drüber, wie Traumafolgen in die aktuelle Beziehung hineinwirken und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.
]]>Es klingelt an der Tür. „Pünktlich, wie angenehm“, denke ich und öffne den beiden mir noch unbekannten Menschen, die ich erwarte. Durch die geöffnete Tür blicke ich auf eine nicht untypische Situation – die Frau forsch im Vordergrund, in freudiger Hoffnung auf Veränderungen? Vielleicht. Der Mann etwas zögernd in ihrem Rücken, noch halb auf dem Sprung. „Der möchte gerade woanders sein“, vermute ich und in mir entsteht ein gewisses mitfühlendes Verständnis.
Vor einigen Wochen hatte sich Claudia bei mir gemeldet und um ein Vorgespräch gebeten. Diese kostenfreien Gespräche biete ich auf meiner Webseite an, um offene Fragen und eine grundsätzliche Bereitschaft für die Zusammenarbeit zu klären. Im etwa halbstündigen (Zoom-)Gespräch fragte ich Claudia und ihren Mann Ralf nach ihren Anliegen und Zielen. Ich erzählte ein wenig über das, was im Verlauf eines Paarcoachings geschieht, geschehen darf, kann oder soll. Ganz nebenbei ist bei solchen Vorgesprächen für alle Beteiligten zu spüren, ob eine grundsätzliche Sympathie besteht. Ich bekomme einen ersten Eindruck, ob ich bei beiden eine Bereitschaft erkenne, sich zumindest auf eine erste Coachingsession einzulassen. Und das Paar wird sich entscheiden können, ob es sich auf die Reise mit mir einlassen möchte.
Dass die ‚Chemie‘ zwischen dem Paar und ihrem Coach stimmt, ist die Voraussetzung für einen gelingenden Beratungsprozess. Paarberatung ist ja nichts Distanziertes. Bei aller Professionalität – als Mensch und Paarcoach gebe ich mich voll hinein in die Dynamik, die Verletzungen, Wünsche, Sehnsüchte und Ziele eines Paares. Deshalb geht es auf jeden Fall erst einmal darum, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem alles sagbar wird und sich die aufgescheuchten Nerven und verletzten Seelen etwas beruhigen können. Das braucht ein Anfangsvertrauen.
Bei Ralf und Claudia konnte ich im Vorgespräch den Eindruck gewinnen, dass beide Handlungsbedarf sehen. Beide wollen raus aus ihren ewigen Streitereien, möchten neue Wege finden. Claudia vielleicht im Moment etwas mehr als er. Es ist ganz natürlich, dass oft erst einmal eine Polarisierung entsteht in der Paardynamik: Sie zum Beispiel geht nach vorne, will Handlung und Lösung, ist offensiv; er ist skeptisch, will erst einmal sehen, was das bringen soll, zeigt sich defensiv.
Jetzt sind die beiden da. Der Anfang eines Paarcoachings ist immer herausfordernd. Wir werden behutsam einen Raum öffnen, ankommen, durchatmen.
Zu Beginn nochmal ein paar Informationen und dann sprechen wir einen Moment lang über das Thema Vertrauen und Vertraulichkeit. Und darüber, dass mein ganzes Wohlwollen und mein ganzes Interesse beiden gleichermaßen gilt. Das Stichwort ‚Allparteilichkeit‘ fällt. Ich sichere ihnen zu, dass ich bestmöglich versuchen werde, beide in ihrem Erleben zu verstehen. Und beiden den gleichen Raum zu bieten, in dem sie sich im Sprechen und Spüren zeigen können und dürfen. Meine Bitte an beide: „Falls Du, Claudia, oder Du, Ralf, das Gefühl hast, dass ich mich auf eine Seite schlage, dann sprich das bitte sofort an.“
Und dann ist Raum.
Claudia erzählt, was sie nervt. Was sie empört. Ralf will ihr recht schnell ins Wort fallen, ist aufgeregt. Ich bremse sanft, sichere ihm zu, dass seine Sicht der Dinge später Platz hat. Und ich nehme Claudia den Druck, sich kurz zu fassen und die Angst, sofort korrigiert, unterbrochen oder überfahren zu werden. Sie bekommt genügend Raum, kann alles sagen, was sie bewegt.
Es geht um Verlangsamung.
Damit es eine Chance gibt, dass überhaupt gehört wird, was gesagt werden will.
Damit sie vor allen ihren eigenen Wünschen, Werten und Sehnsüchten näher kommen, die so oft im Ping-Pong der Alltagsstreitereien nicht zutage treten.
Meine Aufgabe ist es, für ein offenes Sprechen und echtes Zuhören zu sorgen. Immer wieder auch zu beruhigen. Auch schon das eine und andere mit meinen Worten zu wiederholen und zu klären, ob es genau so gemeint ist, wie ich es wiedergebe. Vielleicht gibt es auch aus meiner ‚Brille“ eines des traumasensiblen Paarcoachings erste Kommentare, wie aktuelle Konflikte mit alten Kindheitsmustern zusammenhängen können.
Ralf ist dran. Erzählt, was ihn ärgert, ängstigt und empört. Nun ist Claudia gefordert, so gut es ihr möglich ist zu hören, was ihren Partner bewegt.
Immer wieder geht es um das Halten eines sicheren Raums, um Offenheit, Langsamkeit und Achtsamkeit. Was wird wirklich gesagt? Was höre ich? Hier hilft eine allparteiliche Haltung des Coaches sehr, den Raum für beide Partner offenzuhalten. So verhindert die Präsenz des Coaches eine weitere Eskalation von Konflikten. Eine langsame Annäherung, eine erste Öffnung zeigt sich.
Die Leitidee im Paarcoaching ist ein Rahmen, ein Klima, in dem sehr emotional besetzte Erfahrungen und Wünsche an den Partner sachlich besprechbar werden. Das ist die Voraussetzung, damit Veränderung überhaupt möglich wird, denn: Unter starken Stress, der Streit normalerweise begleitet, ist ein einfühlender Kontakt und überlegte Kommunikation nicht möglich. Instinktreaktionen übernehmen die Führung. Das Ergebnis: Immer wieder die gleichen Vorwürfe, immer wieder die gleichen Argumente, immer wieder, immer wieder.
Um aus diesem Kreislauf auszusteigen, können Claudia und Ralf mit meiner Unterstützung am Ende des ersten Termins schon einen Blick auf die Dynamik ihrer Konflikte werfen. Sie können die Themen erkennen, die wir künftig näher anschauen wollen. Ich fasse für sie zusammen, was ich gehört habe, und gebe einen ersten Hinweis darauf, welche weiteren Faktoren in Beziehungskonflikten eine Rolle spielen.
Lösungen? Die gibt es noch nicht. Aber es gibt ein erstes, neues Verstehen. Für beide. Eine Erfahrung von Verletzlichkeit, die gut tut. Und den Geschmack von Beruhigung durch das Wissen, dass jemand den Raum hält, so dass auch schmerzhafte Erlebnisse besprochen und verarbeitet werden können.
Zwei Stunden sind schnell vorbei. Claudia und Ralf haben ihren ersten Termin „geschafft“. Sie möchten wiederkommen. Mehr erfahren, mehr verstehen.
Es bleibt spannend, wie sich das Ganze weiter entwickelt ...
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